Bilder, Bildlichkeit, Bildtheorien

Zusammenfassung von: Stöckl, Hartmut (2004): Die Sprache im Bild - das Bild in der Sprache. zur Verknüpfung von Sprache und Bild im massenmediaen Text ; Konzepte, Theorien, Analysemethoden. Berlin. de Gruyter, Kap. 1: "Bilder - Bildlichkeit - Bildtheorien", S. 47-86

Zusammenfassung (80ff)

In den meisten Fällen der Theorien handelt es sich nicht um detailliert ausgearbeitete Theorien, sondern um Theoretisierungsansätze, die einer Weiterführung, evtl. auch Zusammenführung bedürfen (v.a. philosophisch/semiolinguistisch). Eigentlich müsste man alle Theorien integrieren - irgendwie.

Es gibt vier große Richtungen:

  1. Ikonistische Bildtheorien
  2. Digitale Bildtheorien
  3. Gestaltorientierte Bildtheorien
  4. Atomistische Bildtheorien

Ikonistisch - digital: sind prinzipiell kompatibel, sagt Stöckl (81). Ikonistische Bildtheorien erklären vorwiegend kognitive Verarbeitung von Bildinhalten und somit das eigentliche kommunikative Verstehen von Bildern; digitale Bildtheorien wollen klären, wie Bilder perzipiert werden -> kein Ausschluss! Atomistisch - Gestaltorientiert: atomistisch = Sicht von den Teilen aus aufs Ganze, gestaltorientiert: umgekehrte Blickrichtung (setzen erst bei Einheiten mittlerer Komplexeion an und betrachten das BIldganze als über das Zusammenfügen der Teile hinausgehendes Konstrukt). Stöckl konzipiert außerdem eine Bildtheorie S. 83 ff.


Bildtheorien im Überblick

Philosophische Bildtheorien

Philosophisches Interesse: Beziehung zwischen Zeichen und Welt (Was ist ein Bild? Wann ist ein Bild x' ein Bild von x?), Zusammenhang zwischen Abbilden und Denken. Zentrale Untersuchungsgegenstände: Materialität, Zeichencharakter

1. Ähnlichkeitstheorie des Bildes
"Standardmodell", "Ikonizitätstheorie": Bild und abgebildeter Gegenstand/Sachverhalt sind sich ähnlich. Schwer wiegende Argumente sprechen dagegen.
Kausale Theorie des Bildes: x ist dann ein Bild von y, wenn y die Ursache für die Entstehung des Bildes gewesen ist (z.B. Porträtmalerei). Diese Bildtherie ist verantwortlich für "Indexikalität in den semiolinguistischen Bildtheorien". Nach Stöckl zu pauschal in Hinblick auf die vielfältigen Zeichenprozesse, die bei visueller Kommunikation ablaufen.
Systemtheorie des Bildes: Stellung und Verhalten von Bildzeichen in einem Zeichensystem -> Bild als kodiertes Zeichensystem. Jede kleinste Veränderung kann zu Bedeutungsunterschieden führen. (??)
Intentionalistische Bildtheorien: Herstellungsabsicht des Bildermachers ist für Sachbezug sowie Art des Bildes entscheidend.
Gebrauchstheorien des Bildes: Die Bedeutung eines Bildes zeigt sich nur im Gebrauch. 2 grunmdlegende Gebrauchsweisen: Bild verweist auf ein spezielles Objekt; generische Verwendung (d.h. als allgemeiner Vertreter einer Klasse von Gegenständen oder Sachverhalten gebraucht). Wahlweise "illusionistische Bildtheorie: Gebrauch von Bildern ist v.a. dadurch motiviert, dass sie Realitätsausschnitte simulieren können / Ersatz für Realität

Psychologische Bildtheorien

siehe auch itpc-modell von schnotz Zentrale Untersuchungsgegenstände: Wahrnehmung, mentale Repräsentation, Manipulation/Speicherung/Abruf visueller Konfigurationen. Meistens eher Theorien des Sehens als Theorien des Bildes (deshalb auch eher Beschäftigung mit Verarbeitungsprozessen als mit Eigenschaften des Bildes.

Der zentrale Begriff in psychologischen Bildtheorien ist folglich das mentale bzw. innere Bild, dessen immer noch umstrittene Existenz den Beitrag des Bildlichen zum denken unmittelbar berührt. (55)

Unterschiedliche Positionen im Lager der Kognitionspsychologen (imagery debate)

1. propositionale bzw. digitale Repräsentation / Verarbeitung visueller Wahrnehmung -> mentales Bild ist "bestenfalls ein subjektives Epiphänomen". (Nachfolge von Fodor (1975), Pylyshin (1973) 2. funktionsanaloges mentales Bild als Ergebnis visueller Perzeptionen = innere Bilder ("imagery"); solche inneren Bilder können auch ohne direkte visuelle Wahrnehmungen als Vorstellungsbilder generiert werden. (Nachfolge Kosslyn (1980 u.ö.) D.h.: speziell visuell räumliche Informationen in analogem Format vs. propositionalen Repräsentationen, denen digitale Symbolverarbeitung zugrunde liegt. Begriff des mentalen Bildes ist im Begriff der "mentalen Modelle" dialektisch aufgehoben worden (Johnson-Laird 1983) - Kombination aus verschiedenen Repräsentationen (ganzheitlichen, analogen, propositionalen, symbolmanipulierenden (=digitalen)), in die sich eben auch Propositionen integrieren lassen; funktionsanaloger Charakter ist aber sehr wichtig.

"Eine starke Fraktion innerhalb der kognitiven Psychologie hält die Existenz mentaler Bilder mittlerweile für erwiesen und betont deren zentrale Rolle in kognitiven Operationen ..." (56)

Ökologische Psychologie - Bildperzeptionstheorien

(klassische) Bildperzeptionstheorien

... beschreiben das Sehen als einen von visuellen Daten getriebenen bottom-up Prozess, indem (sic) Gestalten aus optisch wahrgenommenen Einzelheiten zusammengefügt werden. (57)

In der frühen Theorie (Gibson 1979) wird noch davon ausgegangen, dass "visuelle Invairanten direkt wahrgenommen werden und keine internen kognitiven Operationen der Informationsverarbeitung notwendig machen" (58). IM Lauf der Zeit wurde v.a. der uasschließliche FOkus auf bottom-up Prozesse korrigiert; Wahrnehmung hängt nicht ausschließlich vom optischen Inpupt (Bildmerkmalen) ab, sondern auch maßgeblich von erworbenen mentalen Schemata bzw. Modellen, die Wahrnehmung in entscheidendem Maße steuern ->Sehen wird nicht länger als Automatismus der Gestaltwahrnehmung betrachtet, sondern als ein von subjektiven und situativen Faktoren der Wahrnehmung beeinflusster individuell geprägter Akt der perzeptuellen und kognitiven Konstruktion -> Bewegung weg von den rein perzeptuellen Theorien, hin zu einer kognitiven Theorie. Invarianten

Der Begriff der 'Invarianten' fokussiert auf die optischen Eigenschaften wahrgenommener Entitäten (Objekte in der Realität wie auch in Bildern), die durch ihre KOnstanz dazu führen, dass wir die Gegenstände in verschiedenen Kontexten und Situationen als dieselben erkennen. (57)

Kognitive Psychologie - Bildverstehenstheorien

Schwerpunkt:

(Hervorhebung der) analytischen und konstruktiven internen Umstrukturierungen des perzipierten optischen Rohmaterials. (58)

-> low-level/high-level vision Sehen schließt "immer zumindest" (59) die folgenden drei kognitiven Operationen ein:

  1. Objekterkennung (Klassifizierungs-, Kategorisierungsprozess)
  2. Szenenerkennung (Kontextualisierungsprozess)
  3. Aufmerksamkeitswechsel (Fokussierungsprozess)
Ist Marrs Theorie noch im weitesten Sinne ein Prozessmodell des Sehens, so beschränken sich jüngste Bildtheorien fast ausschließlich auf die Erörterung der Beschaffenheit visueller Repräsentationen. Drei Theorien müssen hier unterschieden werden:(59)
  1. Theorie der kognitiven Schemata
  2. Theorie der konnektionistischen Netzwerke
  3. Theorie der mentalen Modelle (Johnson-Laird 1983)

Neurophysiologie und Neuropsychologie

Mentale Bilder? Topologische Karten
Es scheint ikonische Repräsentationen im Gehirn zu geben, man ist sich aber nicht ganz einig.
Hier findet sich eine alte Idee von Descartes (1998) bestätigt, die über Bord zu werfen mir vorschnell schiene. Er war davon ausgegangen, dass Vorstellen so etwas wie das Betrachten innerer Bilder sei ... (61)
Sensomotorik - Kognitive Struktur - Bild - Sprache
Es gibt Hinweise darauf, dass Entwicklung der menschlichen Sensomotorik wichtige Grundlage für Sprachfähgikeit und andere kognitive Fähigkeiten (acuh visuelles Verstehen!) darstellt. Sensomotorische Repräsentationen sind analog zu konzeptualisieren -> stehen dem Bildbegriff sehr nahe. Rückt man von einer Teilung in analoge und digitale Repräsentationen ab, so ergibt sich, dass sowohl sprachliches als auch visuelles Denken in unserer sensomotorischen Erfahrung begründet sind. -> Sprache und Bild sind in der Kognition eng miteinander verwobene Phänomene (62). Stöckl findet das gut, denn diese Sicht "rüttelt ... an dem logozentrischen Diktum vom Primat der Sprache" ...und "fasst sie verschiedene kognitive Domänen unter den Begriff des BIldlichen und bietet eine plausible Basis für die These der Vernetztheit von Sprache und Bild." (62)

Linguistisch-semiotische Bildtheorien

Logozentrische Bildkritik

Sprachzentrierte Kultur bzw. Glaube an Überlegenheit der Sprache hat dazu geführt, dass weite Teile der Linguistik der Beschäftigung mit dem Bild skeptisch gegenüberstehen.

Es ist der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Bild - von Platon über Aristoteles bis Hume - zu verdanken, insbesondere deren Beharren auf dem Wert des Bildlichen für menschliche Denkprozesse, dass den Bilderkritikern substantielle Theorien entgegengehalten werden konnten. Insbesondere die Beschäftigung der kognitiven Psychologie mit Bildern und die Entwicklung des Begriffs des mentalen Bildes gehen unmittelbar auf den englischen Empirismus zurück. Semiolinguistische Bildtheorien im engeren Sinne speisen sich daher unmittelbar aus philosphischen Überlegungen zum Bildlichen.

Bildzeichen und Bilderkode

Zentrale Frage der Bildsemiotik: Bilden die (Bild-)Zeichen ein System und kann von einem Kode in Analogie zu einer natürlichen Sprache gesprochen werden? (-> Klärung der spezifischen Natur des visuellen Zeichens).

Während die Bildsemiotik noch sehr damit beschäftigt ist, das visuelle Zeichen zu modellieren und Zeichenarten zu klassifizieren, setzt ein eher an der Prozessen der visuellen Kommunikation interessierter Designdiskurs vor allem bei den verschiedenen gestaltbaren Bildmerkmalen an, die unsere Reaktion auf BIldinhalte bestimmen. Diese Teilung entspricht in gewisser Weise der Saussure'schen Trennung zwischen langue (System) und parole (Gebrauch). Es steht m.E. außer Zweifel, dass vor allem eine pragmatische Theorie der Bilderverwendung in textueller Kommunikation ein Desiderat der gegenwärtigen Forschung darstellt. (65)
Semantik der Bildzeichen: Das Problem der Ikonizität
s.o.
Syntax der Bildzeichen: syntaktische Dichte und Fülle
  • syntaktische Dichte: Größe/andere Dimensionen eines visuellen Zeichens können für ihre Bedeutung ausschlaggebend sein (d.h.: jede Veränderung in Höher, Breite ... ändert die Bedeutung des Zeichens). Stimmt wahrscheinlich in gewisser Hinsicht, nicht jedoch für JEDE Zeichenveränderung.
  • syntaktische Fülle: Je mehr Züge der Zeichenträger symbolische Funktion besitzen, die bedeutungstragend sind bzw. verändert werden können (z.B. Strichzeichung Haus vs. Foto Haus).
    Mir scheint dies jedoch eher etwas mit Bildstil, visuellen Anmutungen und emotionalem Erleben als mit essentiellem Verstehen (des Bildinhalts) zu tun zu haben. (68)
Systemlinguistische Bildtheorien
Neben funktional-grammatische Forschungsrichtung (s.u.) wichtiger Forschungsstrang.
Mit systemlinguistisch soll die Tendenz von Bildtheorien bezeichnet werden, von den normativen Begriffen der Sprachwissenschaft auszugehen und diese in einer metaphorischen Übertragung auf Bilder anzuwenden ... In diesem Sinne spricht man u.a. von Bildlexikon, Bildgrammatik, Bildsyntax, Bildmodus oder vom Bilderlesen ... (69)
D.h. selbstständige Bedeutungshaftigkeit von Bildern (durch eine Art "visuelle Phoneme", die lediglich bedeutungsdifferenzierende Funktion haben (-< autonome Bildsemantik). Schwäche: zu starke Orientierung am sprachlichen Zeichensystem -> Vernachlässigung spezifisch Bildlicher Probleme; außerdem keine Orientierung an psychologischen Erkenntnissen zur kognitiven Verarbeitung von Bildern.
Funktional-grammatische Bildtheorien
Neben systemlinguistischen Bildtheorien (s.o.) wichtiger Forschungsstrang. Im Zentrum steht Gebrauch der Bilder und unterschiedliche Funkionalität in Abhängigkeit von ihrem Design. -> Beschreibung verschiedener Bildtypen, deren Ausrichtung auf Spektrum von kommunikativ-pragmatischen Orientierungen. (...) Hier werden alle drei Ebenen der visuellen Zeichenoperation (Semantik, Syntax und Pragmatik) zusammengeführt.
Dieses teils deskriptiv-normative Unterfangen basiert letztlich auf der Überlegung, dass Bilder in der Kommunikation wie Texte funktionieren müssen und dass es Bildverwender und Bildrezipienten sind, die in ihren Bilderpraktiken Zeichenprozesse prägen.
Kognitiv-semantische Bildtheorien
Ansätze beruhen darauf, die Funktionsweise von Sprache auf ganzheitliches und anschauliches Denken (konzeptuelle Strukturen) zurückzuführen -> können als Theorien mentaler Bilder verstanden werden. Alle diese Theorien versuchen, Bedeutungsfähigkeit von Zeichen durch generelle Annahme konventionalisierter konzeptueller Strukturen zu erklären.
Bedeutung ist also nicht per se an Zeichen gebunden und hat primär nichts mit Referenz und Wahrheit zu tun, sondern beruht vornehmlich auf der Aktivierung der in unserer Aneignung von Welt gewonnenen konzeptuellen Strukturen. (73f)
-> Bedeutungsfähigkeit ist keine intrinsische Eigenschaft von Zeichen, sondern eine kognitive Fertigkeit, den Sprache auslöst und steuert (s.a. S. 76).
  • Image schemata - sind räumliche, ganzheitliche (prälinguistische) Modelle, mit deren Hilfe wir vielfältigste sprachliche Formulierungen verstehen (path-Schema als Bsp., S. 74f). Für Theorie des Bildes relevant, denn: a) sie scheinen selbst bildhafter, analoger Natur zu sein, stellen Visualisierungen einfacher räumlicher Konstellationen sowie deren Relationen und dynamische Prozesse dar -> sind in gewisser Weise EINE mögliche Konkretisierung der mentalen Bilder b) bestimmte grafische Konstellationen in Bildern könnten unmittelbar image schemata aktivieren.
  • mental spaces - Sprachelemente öffnen "mentale Räume". Naja.
  • Perspective, Profiling, Scanning - Rezipient nimmt verschiedene Perspektiven ein, abhängig von seinem Standpunkt, zerlegt komplexe Szenen in ihre Bestandteile usw. Sozusagen eine Zergliederung des image schemata.
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