Zusammenfassung von Stöckl, Hartmut (2004): Die Sprache im Bild - das Bild in der Sprache. zur Verknüpfung von Sprache und Bild im massenmediaen Text ; Konzepte, Theorien, Analysemethoden. Berlin. de Gruyter, Kap. 2.1-2.4.1, S. 87-100
Ziel des Kapitels
Besitzen materielle Bilder die Eigenschaften von Texten? Können sie textsortenlinguistisch beschrieben werden? Vermeidung des "'Sumpf' der Debatte über mögliche Klassifikationen bzw. Hierarchisierungen von Sorten und Typen" (88), indem kognitive KOmpetenzen betrachtet werden. Grundsätzlich betont Stöckl in diesem Kapitel immer wieder die Wichtigkeit der pragmatischen Dimension.
2.2 Die Typizität des Bildes
Fragestellung "Was ist ein Bild" ist unkonstruktiv und uferlos. Stöckl beschränkt sich auf materielle Bilder - "Bilder, die als statisch, still ... bzw. als Printbilder bezeichnet werden und vom bewegten Bild in Film und TV abgegrenzt werden können." (91)
2.3 Ein linguistisch kommunikativer Bildbegriff
Bildkompetenz
Bilder sind außerordentlich komplexe Gebilde (zeichentheoretisch); für Stöckl wichtig:
Die Beschreibung der Prozesse des Bildverstehens ... muss in jedem Falle sensibel auf die jweils vorliegenden Bildspezifika abgestellt werden, denn die kognitive Verarbeitung von Bildern in der Kommunikation ist in erster LInie auch eine Klassifikationsleistung ... Das heißt, wenn wir Bilder betrachten, ordnen wir sie automatisch bestimmten Genres oder Typen zu und konstruieren deren Bedeutung in Abhängigkeit von ihren jeweiligen typisierten Verwendungskontexten und Bildexterna.(91)
->Klassifikation von Bildtypen wichtig für Verstehensprozess
Bilder: Phänomenologisch vs. semiotisch
Phänomenologische Betrachtungsweisen lehnen (im Extremfall) Zeichencharakter der Bilder ab und konzentrieren sich auf unterbewusste/emotionale Prozesse. Sie wehren sich gegen eine "allzu leichte kognitive, linguistische oder anderweitige Erklärung des Bildlichen im Sinne eines grammatikalisierbaren und lesbaren Designobjekts." (92)
Ikonizität
(Linguistische) Definition für Bilder:
Aus linguistischer Sichtweise empfiehlt es sich, materielle Bilder als aus visuellen, prinzipiell ikonischen Zeichen bestehende, in ihrer Größe durch Rahmen begrenzte, flächige Objekte zu betrachten, die in i.w.S. kommunikativer Absicht ohne aber zumeist mit Sprache (in Texten) verwendet werden, um bestimmte kognitive Operationen effektiv auszulösen. (93)
Stöckl ist unterstützt das Konzept der Ikonizität vehement:
INterpretiert man Bilder als Konfigurationen ikonischer Zeichen, so geht man davon aus, das sie die selben mehr oder weniger invarianten konzeptuellen Strukturen und mentalen Modelle aktivieren, denen auch das Sehen von Elementen einer realen oder fiktiven Welt in der Umwelterfahrung ZUgang verschafft. Die mentalen Repräsentationen, auf die sowohl ikonische Zeichen als auch ökologisches Sehen zurückgreifen, bezeichnet man daher als analog, oder besser funktionsanalog. (93)
Bildzeichensysteme: Syntaxorientiert vs. gestaltorientiert
Von Goodman 1976 initiierte Theorie, heute von Scholz 1999 befürwortete und von Stöckl gehasste Theorie: Bilder setzen sich nicht aus disjunkten Zeichen zusammen, sondern zeichnen sich durch syntaktische Dichte und syntaktische Fülle aus, Veränderung an Zeichen (= Bildpunkt) verursacht Bedeutungsunterschiede. Stöckl lehnt diesen "asemantischen und Pragmatik-feindlichen Standpunkt zur Natur bildlicher Zeichen(-systeme)" (94) ab. Stöckls Gegenthese:
... dass man erst auf einer höheren Stufe der perzeptuellen Integration im Prozess des Sehens von bildlichen Zeichen sprechen sollte. Solche Zeichn sind größere, gestalthafte Ganzheiten ..." (94)
Bilder vs. Sprache
Unterschied: Sprachzeichen: linear-sequentiell; diskursives Symbolsystem (-> funktionale Ausrichtung: Narration, Explikation, Beschreibung). Bildzeichen: ganzheitlich-simultan; präsentatives Symbolsystem (-> funktionale Ausrichtung: Präsentation der physischen Erscheinung von merkmalsreichen Objekten) --> extrem flexible pragmatische Verwendbarkeit von Bildern Dabei sind Bilder gleich wie Sprache prinzipiell mehrdeutig, diese Mehrdeutigkeit wird durch die pragmatische Situierung ausgeräumt. Deshalb spielt Einbettung in Ko- und Kontexte eine zentrale Rolle (wie bei Sprache auch).
Bilder als Texte
Für Stöckl sind Bilder als Texte zu verstehen,
weil mir scheint, dass der kommunikative Mehrwert von Bildern sowie ihre potentielle Mehrdeutigkeit und funktionale Polyvalenz daher rühren, dass man eben gerade eine ganze Fülle von miteinander vernetzten Äußerungen aus einem Bildinhalt ableiten kann. (96)
Weitere Argumente für Bild = Text:
- visuelle Zeichenphänomene können systematisch auf kommunikative Situationen bezogen werden.
- Textualität von Bildern -> einzelne Bildteile haben Kotexte und man kann ihnen Eigenschaften wie KOhärenz und Intentionalität zusprechen
- Kontextsensibilität von Zeichenprozessen wird generell hervorgehoben
- unlösbare Verknüpftheit von Bild und Sprache im kommunikativen Handeln:
Die hier zu untersuchenden Texte - illustrierte Zeitungs- und Zeitschriftenartikel und Werbeanzeigen - stellen bimodale Gesamtheiten aus visuellem und verbalem Text dar. (97)
Innerhalb eines größeren textuellen Rahmen, den ich ... Supertext nennen will, sind also zwei (Teil)texte verknüpft. (97)
Visuelle Textualität Hier überprüft Stöckl die Textualität anhand der Kriterien von de Beaugrande & Dressler (1981), obwohl die in weiten Kreisen stark umstritten sind (z.B. Heinz Vater); Stöckl bezeichnet sie hingegen als "weithin akzeptiert[..]" (97). D.h.: Hier wird die Frage "Wann ist ein Bild ein Text" auf Grundlage der Textualitätskriterien beantwortet: Wenn ein Bild all diese Kriterien erfüllt, ist es ein Text (sofern man a) Beaugrands/Dresslers Kriterienkatalog als verbindlich bzw. hinreichend für die Definition "Text" betrachtet, b) davon ausgeht, dass diese Kriterien von Text auf Bild 1:1 übertragbar sind).
- Bildliche Kohäsivität
- perzeptuelle Gestaltbildung: Farbkontinuität, Formähnlichkeit usw., Nähe von einzelnen visuellen Zeichenkonfigurationen/grafische Verbundenheit-> semantische Zusammengehörigkeit
- Bildliche Kohärenz
- Stöckl unterscheidet zwischen "rahemninterner Kohärenz" (Beziehungen der Bildelemente untereinander) und "rahmenexterner Kohärenz" (Inferenzen in Bezug auf situationale Faktore). Bildzeichen aktivieren kognitive Konzepte und mentale Modelle -> Bedeutungkonstruktion
- Situationalität und Intentionalität
- Aspekte der kommunikativen Verwendung schlagen sich in formalen und gestalterischen Aspekten der bildlichen Darstellung nieder (in deutsch: Die kommunikative Absicht des Produzenten hat Auswirkungen auf die Gestaltung des Bildes (-> Intentionalität); erst der Kontext, in dem das Bild benutzt wird, macht das Bild relevant für die Kommunikationssituation (->Situationalität).
Der verbale Kotext von Bildern muss deshalb als ein wichtiger ... Faktor der visuellen Situationalität Beachtung finden. Aufgrund ihrer ikonischen Zeicheneigenscahften zielt die prinzipielle Intentionalität von Bildern auf das Präsentieren, Darstellen und Zeigen von sensorisch wahrnehmbaren Objekteigenschaften sowie die räumliche Verortung von Gegenständen. (98)
- Bildliche Akzeptabilität
Generell betrachtet sind Bilder dann akzeptabel, wenn sie uns kognitive Operationen ermöglichen, die Sprache nicht oder nicht in vergleichbar effizienter Weise in Gang bringen kann und uns über diese bildspezifischen mentalen Aktivitäten Zugänge zu Welt verschafft. (99)
d.h.: Rezipient erwartet im Rahmen kulturellen/sozialen Kontexts einen Text, der für ihn relevant ist und ihm etwas nützt.- Bildliche Informativität
- Bilder haben i.d.R. hohen Informativitätsgrad, aber:
Die Standardisierung von Bildern im Prozess ihrer massenhaften, medialen Verwendung bedingt allerdings eine generelle Abnahme visueller Informativität. Bilder verkommen so nicht selten zum redundanten Dekorationselement oder zur visuellen Phrase bzw. Schablone. (99)
- Bildliche Intertextualität
- 2 Gründe, warum Bildern Intertextualität zukommt: 1. Oft fließt Wissen aus vorhergehenden Bildern in das Verstehen des aktuellen Bildes ein -> Verstehen des Einzelbildes ist nur aufgrund der Kenntnis anderer Bildern möglich. 2. Bild wird als Teil eines Genres verstanden/gedeutet. Hauptpunkt aber: Bilder werden "meist zu konstitutiven und integrativen Teilen größerer verbaler Gesamttexte.