Propositionale (mentale) Repräsentation - Grundlagen nach Kintsch 1998

Grundlagen zur propositionalen Struktur mentaler Repräsentationen. Dieses Modell wird hier dargelegt, da es die beste Möglichkeit darstellt, die Bedeutung von Texten abzubilden (laut Kintsch). Nach Kintsch: Comprehension (1998), S. 32-48 Es gibt verschiedene Ebenen mentaler Repräsentation von Welt, Weltwissen und Weltzusammenhängen. Um eine Theorie von Verständnis und Verstehensprozessen adäquat beschreiben zu können, bedarf es einer Operationalisierung/Strukturierung dieser Ebenen, einer Art Superstruktur. Kintsch (und die meisten anderen) bedienen sich dabei des propositionalen Formats. Dieses Format basiert auf Sprache (zweitoberste Ebene: narrative-language level) und bilder nach Kinitsch die optimale Schnittmenge zwischen den verbreitetsten Systemen zur Beschreibung von Bedeutung:

Die Proposition ist eine "basic unit" auf Grundlage des Prädiakt-Argument-Schemas ("predicate-argument schema"), der "einem Satz zugrundeliegende Bedeutungsgehalt" (Vater: Einführung i.d. Textlinguistik, 2. Aufl, S. 85 (Kap. 3.2)). "Atomic propositions" bestehen aus einem "Prädikat" und einem oder mehreren "Argumenten": GIVE[agent:MARY, object:BOOK, goal:FRED] Propositionen können auch in einander eingebettet werden und in sehr komplexer Form vorliegen (z.B. S. 38). Notation wie oben bnach van Dijk/Kintsch 1983. 3 Arten von Beziehungen zwischen Propositionen

  1. indirekte Kohärenz: Bedeutungseinheiten sind Teil "of the same episode" (gleiche Zeit, Platz, Argument)
  2. direkte Kohärenz: wie 1., aber Zusammenhang ist explizit markiert (z.B. Adverbialsätze) - "therefore, then, so, as a result"
  3. Subordination: z.B. Relativsätze

Probleme 1. niedere Ebenen sind in höhere Ebenen mentaler Repräsentation eingebettet. Wie eine Proposition verstanden wird, hängt u.a. davon ab, welche weiteren Bedeutungen auf welcher Ebene eingebettet sind. Das könnte man vielleicht auch so formulieren: Kontext, Emotionen, Situation werden außer Acht gelassen. 2. Bildlichkeit/Metaphorik/Symbolik ("imagery) kann nicht eindeutig dargestellt werden. Dennoch ist das Propositionsmodell nach Kintsch das beste vorhandene:

"Nevertheless, the predicate-argument schema is not only the best we have, it is also reasonably satisfactory on an absolute scale; it is quite satisfactory, indeed, for work on text comprehension, which has a strong verbal component ..." (S. 47)

Propositionale Repräsentation - Kritik Um die Repräsentation von Sachverhalten oder "Inhalten" - z.B. einem Text entnommene - formalisieren zu können, benutzt man nach Kintsch: "Comprehension" (1998) das propositionale Format ("Propositionen"). Kann so die Bedeutung eines Textes dargestellt werden?

"The meaning of a simple sentence can be represented by a complex proposition ... consisting of a predicate with several arguments, time and place circumstances and optional modifiers." (Kintsch 1998, 54)

Hier wird NICHT der Kontext berücksichtigt, Beispiel: An einer Tankstelle steht ein Korb mit kleinen Schokoladeneiern, dahinter ein Schild mit der Aufschrift "Die Shell-Tankstelle XY-Straße wünscht Ihnen frohe Ostern!" Natürlich bedeutet der Satz nur auf basalster semantischer Ebene WÜNSCHEN[Shell-Tankstelle, Frohe Ostern]. Sobald man die pragmatische Dimension in Betracht zieht, bedeutet der Satz eher "Nimm dir ein Schokoladenei, die Shell meint es gut mit dir" o.ä. Die Frage ist: SOLLEN propositionale Darstellungsformate tatsächlich auch das Kontextproblem lösen können? Oder wird der Deutungsprozess verlagert in die Erstellung eines "situation model[s]" (S. 103ff). Dieser Prozess wäre dann aber so aufwändig, dass er kaum adäquat beschrieben werden kann (und sich die Frage stellt, ob sich die Einfachheit des Propositionen-Konzepts nicht an dieser Stelle rächt). Kintsch selbst gesteht das Problem indirekt ein:

""... propositions are designed to capture those semantic relations that are most salient [=hervorstechend] in text comprehension, whereas natural language serves many purposes than a representation that is focused on meaning. Propositions appear to be the semantic processing units of the mind and hence the most useful form of representation for our studies." (69)

Kann man von Textverständnis sprechen, wenn die pragmatisch-kommunikative Dimension außer Acht gelassen wird?

Update 16.04.2006

Tatsächlich postuliert Kintsch: Die Proposition bildet die (wörtliche?) Bedeutung des Satzes ab, kontextuelle Faktoren bestimmen dabei, wie diese Proposition "verstanden" wird: textbildschirm: Propositionen - Abbildungen der Realität? (zweites Zitat)

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