Joachim Fritzsche stellt die Frage, ob es überhaupt ein objektivierbares Textverständnis gibt, was literarische Texte angeht.
Joachim Fritzsche: Chancen und Probleme von Multiple-Choice-Tests zur Ermittlung des Textverständnisses im Unterricht. In Juliane Köster, Will Lütgert usw. (Hg): Aufgabenkultur und Lesekompetenz, 2004, 209-228
Grundfrage Fritzsches
"Bezogen auf literarische Texte wiederum wäre zu fragen, ob 'Textverständnis' hier überhaupt angezielt wird bzw. was dies denn heißt angesichts der Bedeutungsvielfalt und des Interpretationsspielraums solcher Texte." (S. 210)
"Noch schwieriger freilich ist es nun, das Konstrukt 'Textverständnis' zu operationalisieren, also anzugeben, an welchen (Sprach-)Handlungen man erkennen kann, dass Schülerinnen und Schüler einen Teil verstanden haben." (S. 215)Probleme
Ist eine Äußerung ironisch gemeint? Gibt es einen "Konsens über den Sinn von Geschichten ... und (ist) der Interpretationsspielraum begrenzt ...(?)" (227) Fritzsche merkt an zu seinem Beispieltext 'Das Tigerauge':
"Reicht nun ein bloßes Verständnis der Situation und des Handlungsgangs aus, um sagen zu können, wir haben den Text verstanden? Gehören dazu nicht auch Details wie etwa die Frage, ob die Antwort des Jungen ... ehrlich oder ironisch gemeint ist? Die Entscheidung darüber beeinflusst nicht unerheblich unser Verständnis der Haltung des Jungen dem Mädchen gegenüber und wirkt sich auf die Frage aus, ob sich der Junge mit der Zeit dem Mädchen gegenüber öffnet. Und weiß der Junge, als er zu formen anfängt, schon, was es werden soll?" (S. 214)Da es viele Antworten im Multiple-Choice-Test nicht eindeutig als richtig oder falsch (oder relevant? BM) zu klassifizieren sind, kann nach Fritzsche der MCT nur ergänzend zum Einsatz kommen. Über die Erfassung des semantischen Gehalts (=propositionale Struktur) eines Texts hinaus gibt es viele interpretationsrelevante Dimensionen, deren "Richtigkeit" im Extremfall zum großen Teil vom Rezipienten (und seinem Weltwissen, seiner Welterfahrung) abhängen.