Fritzsche stellt hier die Frage nach Sinn und Unsinn, Textverständnis mit MCTs abzuprüfen und stellt generell die Frage, wie weit Textverständnis operationalisierbar und abprüfbar ist.
Fritzsche, Joachim (2004): Chancen und Probleme von Multiple-Choice-Tests zur Ermittlung des Textverständnisses im Unterricht. In: Köster, Juliane; Lütgert, Will; Creutzburg, Jürgen (Hg.): Aufgabenkultur und Lesekompetenz. Deutschdidaktische Positionen. Frankfurt am Main. Lang, S. 209–227.
Grundfrage: Wird Textverständnis in Bezug auf literarische Texte angestrebt? Wenn ja: Was IST Textverständnis (-> Bedeutungsvielfalt und Interpretationsspielräume bei literarischen Texten) (210) Fritzsche beschränkt sich auf narrative Texte. Beispielgeschichte "Tigerauge": Was muss verstanden werden? Grundsätzlich:
Situation und Geschehen
- Schon die Inhaltsangabe kann aber nicht eindeutig formuliert werden, da sie fast zwangsläufig interpretierende Aussagen enthält Situation und Geschehen reicht aber nicht:
Ist die Antwort des Jungen ironisch?
Weiß der Junge schon, was er formen wird= -> das beeinflusst unsere Haltung als Leser gegenüber dem Jungen
Freundliche Haltung des Mädchens durchbricht seelischen Schutzpanzer des Jungen
das zeigt sich in der spontanen Bekanntgabe des Namens. Muss das erkannt werden, damit der Text als "verstanden" gelten kann?
Enthält der Text eine Moral/eine Lehre?
Ist ohne diese Moral der Text nicht vollständig verstanden? -> Textverständnis als schwer konkretisierbares Konstrukt
Problem: Operationalisierung
offene Fragen: geeignet für literarische Texte (da freie Äußerung, die begründet werden kann). Sehr hoher Aufwand bei der Auswertung (Kodierung), Auswertungsperson ist wesentlicher Faktor und interpretiert zwangsläufig -> mangelnde Auswertungsobjektivität (bei PISA waren es sehr geschulte Auswerter, ist "im Alltag" niemals leistbar ... ich vermute selbst, dass auch hier die Auswertungsobjektivität nicht immer gegeben ist). Weiteres Problem: Schriftliche Ausdrucksfähigkeit als zusätzlicher Einflussfaktor -> Validität leidet! geschlossene Fragen: Probleme: - Schüler kreuzen im Ausschlussverfahren an bzw. können durch Schlussfolgerung Antwort herausfinden (wenn z.B. Antwort in anderer Aufgabe steht) - vorgegebene Antworten sind schon INterpretation
Eigenschaften von MCT
MCT ist zum Abprüfen vordergründigen Verständnisses geeignet (Wortkenntnis, Auffinden von Schlüsselwörtern, Verständnis einzelner Informationen) MCTs reduzieren aber die Komplexität -> implizite Informationen, Interpretation/Sinndeutung wird schwierig Fritzsche zerlegt im Folgenden einen MCT zur Tigeraugengeschichte und zeigt, dass die Antworten häufig nicht eindeutig sind. Der MCT wurde als "Prätest" in zwei 5. Klassen durchgeführt, keine Angaben, warum und in welchem Rahmen und wie und wo
ANmerkung meinerseits: Je abwegiger die Distraktoren (=Falschantworten) sind, desto leichter der Test! Antworten müssen also inhaltlich möglichst nahe bei einander liegen, denn je weiter sie auseinander liegen, desto leichter kann erraten werden: Was formt der Junge aus Sand? a) Eine Kuh b) Einen 10.000PS-Motor c) Die NASA-Station Apollo 13
Außerdem stellt Fritzsche die Frage: Ist es vielleicht TYPISCH für MCT, dass nur "mittlere" Stufen des Textverstehens abgefragt werden?
- unterste Ebene ("Wortverstehen") -> nicht sinnvoll, wenn nicht notwendig für Gesamtverständnis des Textes
- höchste Ebene ("Gesamtsinn") führt zu sehr in INterpretation und kann nicht mit "richtig"/"falsch" abgefragt werden.
Weiteres Problem: Schwierigkeitsgrad - oft kreuzen S schwierige Fragen richztig, leichte aber falsch an (trotz Prätests und akribischer Aufgabenkonstruktion): 226, 221f
Weitere Kritik: Ein MCT erlaubt KEINEN Aufschluss darüber, WARUM richtige/falsche Lösung angekreuzt wurde
FAZIT MCT als Ergänzung zu anderen Textverständniskontrollen, NICHT aber als einziges Instrument. Es folgen noch einige hübsche Schüleräußerungen, die zeigen, dass ganz verschiedene Dimensionen des Verständnisses ihre Berechtigung haben können: S. 227