Zusammenfassung von: Endres, Brigitte Odile (2004): Ist Hypertext Text? In: Gesellschaft für Angewandte Linguistik (Kleinberger Günther, Wagner) (Hg.): Neue Medien - Neue Kompetenzen? Texte produzieren und rezipieren im Zeitalter digitaler Medien ; [33. Jahrestagung der "Gesellschaft für Angewandte Linguistik" (GAL) in Köln]. Frankfurt am Main. Lang. Bonner Beiträge zur Medienwissenschaft, S. 32–48.
Grundsätzliche Fragestellung
Kann Hypertext mit dem Instrumentarium der Textlinguistik beschrieben/erfasst werden? -> Hypertext wird unabhängig vom klassischen Textbegriff untersucht -> Differenzierung: Hypertext als Konzept und Hypertext als Realisierung
Die 4 wichtigen Namen der Hypertextgeschichte
Zuerst kleine Zusammenfassung der Geschichte des Hypertexts:
- Vannevar Bush: "As We May Think" 1945 -> Memex
- Ted Nelson: "As We Will Think" Mitte 60er -> prägt "Hypertext" -> Xanadu
- Douglas C. Engelbarth -> Systeme wie Augment, Notecards, Hypergate (ab 60er)
- Tim Berners-Lee: Entwicklung des WWW = Durchbruch (34-36)
Definition "Hypertext"
Keine Unterscheidung zwischen Hypertext und Hypermedia, denn
"Hypertext hat sich vom textbasierten und wissens-bzw. informationsbasierten System zum multimedialen Hypertext mit unterschiedlichen Funktionen entwickelt. Dies gilt vor allem für das World Wide Web mit seinen technischen Möglichkeiten." (36f)
Textlinguistische Definitionsversuche
Alle Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen (meistens: kein neuer Textbegriff nötig) mit unterschiedlichen Begründungen, z.B.
- Fix/Adamzik 2002: Sammelband zu "BRauchen wir einen neuen Textbegriff?" -> kein neuer Textbegriff nötig
- Eckkrammer: Die sieben Textualitätskriterien von Beaugrande/Dressler lassen sich "'problemlos auf die neuen Textwelten übertragen und anwenden'" (38) Bisheriger Textbegriff wird durch Existenz von Hypertexten nicht überholt, aber durch neue mediale Formen beständig variiert und erweitert.
- Vater bezweifelt schon grundsätzlich die BErechtigung dieser Kriterien
- Storrer 2000: kein neuer Textbegriff nötig
Es wird viel diskutiert. Endres hält dagegen:
"Keine der Untersuchungen lässt letztendlich ZWeifel darüber aufkommen, dass Hypertext als Text zu betrachten sei, wenn auch als Text mit gewissen Besonderheiten ... Betrachtet man Hypertext aber nicht aus der Text-Perspektive, sondern aus der ihm eigenen Hypertext-Perspektive, so drängt sich der Verdacht auf: Hypertext ist gar kein Text.
Unterscheidung: Hypertext als Konzept und Realisierung
Hypertext als Konzept und Struktur (40f)
Hypertext als Strukturierungsprinzip ("Es sind beispielsweise auch leere Strukturen vorstellbar, die nur als Struktur existieren." (41) -> ??) -> kann NICHT Gegenstand textlinguistischer Untersuchungen sein, die über Textualität oder Nicht-Textualität entscheiden.
Realisierter Hypertext
Der konkrete Hypertext kann als eine "realisierte Struktur" oder als eine "Instanziierung des Prinzips 'Hypertext'" (41) betrachtet werden. Textlinguistische Untersuchung kann vorgenommen werden, wenn man Slatins Definition zugrunde legt:
"A hypertext (or hyperdocument) is an assemblage of texts, images and sounds - nodes - connected by electronic links so as to form a system, whose existence is contingent upon the computer. The user/reader moves from node to node either by following established links or by creating new ones." (Slatin 1991:56, zitiert nach 37)
Hier (und in anderen Definitionen) wird "zwischen Hypertext als System und dem konkreten Hypertextdokument oder Hyperdokument ('hyperdocument') unterschieden". (42) Diese Unterscheidung ist für Endres die Lösung aller (zumindest terminologischen) Probleme:
Die Unterscheidung zwischen Hypertexten und E-Texten ... - erstere bezeichnen nichtlineare Hypertexte, letztere klassische, hierarchische und lineare Texte, die nur fürs Web aufbereitet wurden - wäre in dieser Form nicht erforderlich, wenn zwischen Hypertext als Struktur und Hypertext als Hyperdokument unterschieden wird." ... Hyperdokumente können sowohl sequentielle als auch nicht-sequentielle Strukturen beinhalten, und Sequentialität ist lediglich ein Merkmal unter vielen. Der von Storrer vorgeschlagene Begriff des 'E-Texts' ließe sich dann als eine mögliche Subklasse zur Bezeichnung einer Hyperdokument-Textsorte nutzen."(43)
Das Hyperdokument wird also durch verschiedene Merkmale bestimmt: Struktur (linear/non-linear), multimedialität, Beziehungen zwischen den (multimedialen) Elementen und Deutung, graphische Gestaltung, Funktionen der verschiedenen Elemente, wie wird Kohäsion hergestellt usw. (45) Dabei können Gesetzmäßigkeiten nur unter Berücksichtigung der Textsorte formuliert werden:
Hypertext als Kunstform sieht anders aus als ein Online-Shop. Von einer einzigen Textsorte kann keinesfalls auf alle möglichen Hypertexte und schon gar nicht auf DEN Hypertext geschlossen werden. (45)