Aus einer News-Diskussion:
Die Blitzgneißer-Blockade - von Christine Nöstlinger Christine Nöstlinger hält "Leseförderung" für ziemlich sinnlos und empfiehlt stattdessen schulische Angebote zur Befreiung vom DauerglotzenWer Bücher für Kinder schreibt und in diesem Metier halbwegs erfolgreich werkt, gilt hierzulande irrtümlicherweise als Auskunftsstelle für "Befindlichkeit junger Leser" und - vor allem - als Auskenner in Sachen "kindliches Leseverhalten". Und weil das so ist, erkundigen sich seit Ausbruch der Pisa-Depression Journalisten diverser Medien bei mir, warum denn unsere Kinder nicht besser lesen können, was gegen den Missstand zu tun sei, und ob ich nicht auch der Meinung sei, dass man die Kinder zum Lesen von Kinderbüchern animieren müsse, um ihre Lesekompetenz zu fördern.
Nein, der Meinung bin ich nicht! Obwohl ich klarerweise absolut nichts dagegen habe, möglichst viele Kinder zum lesen von möglichst vielen Kinderbüchern zu animieren. Aber: Erst wenn die Lesekompetenz ausreichend vorhanden ist, kann ein Kind ein Buch wirklich lesen. Ohne diese Fähigkeit ist das Lesen schierer Frust und lästige Plage, und selbst sturer Lesedrill brächte keine Kompetenz.Die simple Technik des Lesens, also Buchstabenansammlungen mühelos als Wörter zu identifizieren, eignet sich ein durchschnittlich intelligentes Kind wohl ziemlich schnell an. Aber damit ist es ja leider nicht getan! Der Sinn der gelesenen Wörter muss ebenso mühelos verstanden werden. Und damit, berichten mir bekümmerte Lehrer, hapert es leider bei sehr vielen Kindern. Diese Kinder lesen einen Text, mehr oder weniger flüssig, Zeile für Zeile, brav runter, können aber hinterher nicht sagen, wovon dieser Text gehandelt hat, auch wenn der Inhalt ein recht einfacher gewesen ist.Nun bin ich ja wirklich kein Experte und Auskenner auf diesem Gebiet, aber ich denke mir, da geht es um ein Manko an Vorstellungskraft. Zum korrekt gelesenen Wort entsteht im Kopf ein Bild. Und das Bild entsteht wahrscheinlich deshalb nicht, weil wir in einer Zeit leben, in der die Bilder die Wörter dominieren.
Lauter fix und fertige Bilder, die keiner Vorstellungskraft bedürfen, um "genossen" zu werden.
Sich in der Freizeit jede Menge Bilder - vor allem bewegte - reinzuziehen, ist eine sehr bequeme Art der Unterhaltung, und je öfter und je länger man sich ihr hingibt, umso mehr verkümmert die Fähigkeit, einen Text im Kopf "lebendig" zu machen. Hinschauen reicht, mehr ist nicht nötig! Deshalb tun sich Kinder, die ihre Nachmittage, ihre Abende und ihre Wochenenden fast ausschließlich vor TV-Geräten, Videorecordern und Playstations zubringen, eben sauschwer beim Lesen. Und deshalb brauchen sie - um es pointiert zu sagen - keine "Lese-Förderung", sondern "Leser-Förderung". [Herv. BM] Den zur bequemen Selbstbedienung jederzeit abrufbaren Bilderfluten müssten verlockende Angebote entgegengesetzt werden. Theater spielen, Musik machen, tanzen, malen, Geschichten ausdenken und aufschreiben, Fußball spielen und und und.Es ginge also schlicht und einfach darum, diesen Kindern Beschäftigungen anzubieten, die ihre Fantasie, ihre Kreativität und ihre Neugier fordern, ihr selbstständiges Denken fördern und ihr Selbstwertgefühl stärken. Wetten, dass sich dann die gewünschte "Lesekompetenz" wie von selbst ergeben würde? Und als Draufgabe noch die Rechen-Naturwissenschafts- und Problemlösekompetenzen dazu. (Dass die armen, ewigen Bildschirmglotzer diese Angebote freudig annehmen würden, dessen bin ich mir sicher, denn sie glotzen ja bloß mangels anderer Zeitvertreibsmöglichkeiten).Machen wir’s . . .Und wer sollte all diese schönen, Kompetenz fördernden Beschäftigungen mit den Kindern unternehmen? Na sicher: die Schule! Die kann das nämlich, wenn man sie lässt und ihr ausreichend Zeit, Personal und Geld gibt, es zu tun.Darüber zu räsonieren, dass die Herren und Damen Eltern ja auch das ihre dazu beitragen könnten, ihre Kinder kompetent zu machen, ist so lächerlich wie müßig. Die Eltern, die dazu in der Lage sind, tun es ohnehin, und erfreuen sich ihrer cleveren Kinder, und der unfähige oder unwillige Rest wird sich durch Anmahnung garantiert nicht ändern.Falls jemand daran zweifeln sollte, dass die Schule wirklich der beste Ort ist, den Kindern all das beizubringen, was aus ihnen selbstbewusste - und dazu noch zufriedene - Blitzgneißer macht, bräuchte er sich ja nur im Ausland umzuschauen.Beim Pisa-Sieger Finnland ist es jetzt schon ziemlich kalt, und Australien und Kanada sind weit weg, aber ich würde, weil ich mich dort im Schulischen ein bisschen auskenne, Belgien empfehlen.. . . den Belgiern nachMein Enkel geht in Belgien zur Schule. Dort gibt es für jedes Kind ab Geburt einen Kindergartenplatz, und der kostet, egal wie viel die Eltern verdienen, keinen Cent. Die einjährige Vorschule ist Pflicht, die "gemeinsame Schule der 6- bis 15-Jährigen" ist die Ganztagsschule, etwa 40 Stunden pro Woche. Und so es Kinder mit schwierigen Familienverhältnissen brauchen, werden sie zudem in der Schule von sieben Uhr bis neunzehn Uhr betreut. Und für alle Ferientage, an denen die Eltern arbeiten müssen, gibt es selbstverständlich auch eine Betreuung für alle Kinder.In vierzig Unterrichtsstunden pro Woche können Lehrer allerhand tun, was die Schüler fordert und fördert und schlau macht. Und nach drei Gratiskindergartenjahren und einem Vorschuljahr haben, wie mir meine Enkeltochter versichert, die kleinen Marokkaner, Polen und Türken in ihrer Klasse nicht das geringste Problem mit der Unterrichtssprache, auch wenn ihre Eltern nach wie vor kaum ein Wort Niederländisch verstehen.Im Pisa-Ranking liegt Belgien weit vor Österreich, im Ranking der "reichen Länder" weit hinter Österreich. Also müsste es doch für uns ein Leichtes sein, hinzukriegen, was die Belgier schaffen. Arbeitslose Lehrer, die nichts lieber täten, als Kinder kompetent zu machen, gibt es hierzulande reichlich, und Eltern, die ihre Kids gern den ganzen Tag betreut hätten, gibt es nicht minder.Aber eine Änderung unseres Schulsystems zum Positiven könnte halt nur dann stattfinden, wenn die diesbezügliche "Problemlösekompetenz" nicht mehr an Leute delegiert wäre, die trotz anders lautender Statements zutiefst davon überzeugt sind, dass es auch Aufgabe der Schule ist, ein gewisses und gar nicht geringes Quantum an Schülern tunlichst frühzeitig für "die niedrigen Tätigkeiten, die ja auch jemand tun muss", auszusortieren.