Geschichte der Lernstörungen

Torgesen, Joseph K. (2008): Ein historischer und konzeptueller Überblick. In: Wong, Bernice Y. L.; Hornung, Cathrine (Hg.): Lernstörungen verstehen. Ein Praxishandbuch für Psychologen und Pädagogen. Heidelberg: Spektrum Akad. Verl. , S. 3–38.

Orton: Erklärungsversuche für Lesestörungen (z.B. 1937)

Im 20. Jh. zahlreiche Studien zu Sprach- und Sprechstörungen (Bouillaud, Broca, Jackson, Wernicke und Head), Zielsetzung v.a.: Dokumentation des spezifischen Verlusts von Sprach- und Sprechfunktionen bei Erwachsenen, i.d.R. durch Hirnschädigungen (schon betrieben in 19. Jh., z.B. an kriegsgeschädigten Soldaten). Vor allem Lesefähigkeit (auch bei Kindern) steht im Mittelpunkt, z.B. Orton (z.B: 1937), der eine neurologische Theorie zur Lesestörung entwickelt (Strephosymbolie), die sich nicht bestätigt hat. Immerhin führten die Studien Ortons zur Gründung spezieller Schulen und Kliniken für Kinder mit Lesestörungen; 1949 Gründung der Orton Gesellschaft für Dyslexie.

Werner & Strauss: Beschreibung gestörter Lernprozesse (z.B. 1943, 1955)

Werner & Strauss versuchen im Gegensatz zu Orton nicht, eine Erklärung dafür zu finden, warum Kinder spezifischen schulischen Anforderungen nicht gerecht werden; sie beschreiben eher gestörte allgemeine Lernprozesse (inkl. der Auswirkungen auf unterschiedliche Lernsituationen), in der Terminologie von heute: Ablenkbarkeit, Hyperaktivität, visuell-perzeptive und perzeptiv-motorische Probleme.

Der Einfluss von Werner & Strauss: Sie entwickeln spezifische pädagogische Empfehlungen und eine allgemeine Orientierung für die Förderung:

  1. individuelle Unterschiede im Lernverhalten berücksichtigen
  2. Fördermaßnahmen sollen sich an individuellen Stärken/Schwächen der Kinder ausrichten
  3. bei Förderung nicht die Schwachstellen des Kindes, sondern die Stärken betonen

1963: Anfänge der Lernstörungsbewegung

Bis Anfang der 1960er gab es keinen dedizierte Lernstörungsforschung; Forscher beobachteten verschiedene Probleme, die offensichtlich (auch) das Lernen beeinträchtigten.

1963: Konferenz zur Erforschung von Problemen des wahrnehmungsgestörten Kindes - Samuel Kirk schlägt den Begriff "Lernstörung" vor (Fokus auf "Störungen bei der Entwicklung von Sprache, Sprechen, Lesen und den damit zusammenhängenden Kommunikationsfähigkeiten"), Gründung der ACLD (Association for Children with Learning Disabilites). U.a. neue Konzeption von "Lernstörung" (Kinder haben Schwierigkeiten bei der Ausführung bestimmter psychologischer Prozesse/mentaler Operationen = wirkliche Beeinträchtigung, für die weder Kinder noch Lehrer verantwortlich sind), die dazu beiträgt, dass die Lernstörungsbewegung eine eigene Identität und Berechtigung erhält:

Professionelle Gebiete zeichnen sich durch ihr "spezielles" Wissen und ihre Expertise aus. Der Anspruch auf Fachwissen über Diagnose und Behandlung spezifischer Störungen der Verarbeitungsfähigkeit trug entscheidend dazu bei, der Lernstörungsbewegung eine eigene Identität zu verleihen. (Torgesen 2008:15)

Im weiteren Verlauf gibt US-Regierung Expertenberichte in Auftrag (1966-1969), 1969 wird die US-Kultusbehörde zum Aufbau von Förderprogrammen ermächtigt (Gesetz für Kinder mit Lernstörungen, 1969). 1975 Gesetz zur Ausbildung behinderter Menschen (Education of the Handicapped Act): Alle US-Bundesstaaten sollen eine angemessene öffentliche Förderung für Kinder mit Lernstörungen zur Verfügung stellen.

Dieses Gesetz markiert den Beginn eines enormen Wachstums, den das Gebiet der Lernstörungen seit Mitte der 1970er-Jahre zu verzeichnen hat. (Torgesen 2008:17)

Anfänge systematischer Diagnostik- und Fördermaßnahmen (1960er)

Ab Beginn der 1960er werden Tests entwickelt, um die spezifischen Verarbeitungsprobleme zu identifizieren (z.B. Frostigs Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung 1964 (FEW) oder der Psycholinguistische Entwicklungstest (PET) 1961). Entsprechend werden zahlreiche Programme zur Behandlung der gestörten Prozesse veröffentlicht (v.a. visuell-motorische und visuell-perzeptive Übungen, auditive Sequenzierung). Trainingsaktivitäten konzentrieren sich v.a. auf visuell-perzeptive Prozesse.

Bald kommt Kritik auf, da der Forschungsüberblick zeigt, dass Prozesstrainings nicht zu einer Verbesserung der schulischen Lernfähigkeit führt -> Entstehung einer Kontroverse bis Mitte der 70er (denn: Kritik an Wirksamkeit der Förderprogramme schwächt Existenzberechtigung der Lernstörungsbewegung).

Gründe, warum die spezifischen prozessorientierten Trainingsmaßnahmen nicht funktionierten (obwohl sie eigentlich von korrekten Annahmen ausgehen), nennt Torgesen (z.B. 1979, 1993, 2002): Die Ideen waren ihrer Zeit voraus; neue Erkenntnisse (die damals nicht berücksichtigt wurden) sind z.B.:

Deshalb sind heute Trainings ganz anders beschaffen als in den 60ern/70ern.

Ob allerdings eine dieser Interventionen tatsächlich ausschließlich für Kinder mit Lernstörungen und nicht auch für andere schwache Lerner geeignet ist, bleibt weiterhin zu überprüfen (Torgesen 2008:19)
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