Phonologische Informationsverarbeitung lässt sich in drei Dimensionen unterteilen:
- phonologische Bewusstheit
- Abruf phonologischer Codes aus Langzeitgedächtnis
- phonetisches Rekodieren im Arbeitsgedächtnis
Diese Punkte sind für die Prozesse im Arbeitsgedächtnis relevant (= Verarbeitung und Übertrag ins Langzeitgedächtnis). Alle drei Dimensionen konnten spätere Lese-/Rechtschreibleistung vorhersagen (vgl. Ulrich-Brinke 2004:21f).
Phonologische Bewusstheit
I.a.W.: Fähigkeit, Phoneme/Phonemverbindungen zu identifizieren, wiederzuerkennen und zu manipulieren --> Lautanalyse und Lautsynthese; der Zugang zur phonologischen Struktur der Sprache.
"Etwas anders ausgedrückt sahen Mannhaupt und Jansen (1989) in der phonologischen Bewusstheit die Fähigkeit, '... Sprache als distinkte lautliche Einheiten ...' wahrnehmen '... und mit diesen lautlichen Segmenten analytisch ...' umgehen zu können. Als Erweiterung dieser Definition wird zwischen phonologischer Bewusstheit im weiteren Sinne (i.w.S.), die sich auf größere lautliche Einheiten wie Wörter, Reime und Silben bezieht, und jener im engeren Sinnen [sic] (i.e.S.), die auf Phonem- bzw. Phonebene angelegt ist und damit keine sprechrhythmischen oder semantischen Bezüge aufweist, unterschieden (Skowronek & Marx, 1989)." (Stock 2005: 60f)
Schneider & Küspert (2003) differenzieren die Phonologische Bewusstheit in
- Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne = Fähigkeit, größere Einheiten der gesprochenen Sprache zu erkennen (Wörter, Silben, Reime)
- Phonologische Bewusstheit im engeren Sinne = Fähigkeit, kleinste Einheiten zu erkennen (=Phoneme).
Damit umfasst das Konstrukt der phonologischen Bewusstheit verschiedene Schwierigkeitsgrade (Stock 2005:61):
- phonologische Bewusstheit i.w.S. = silbische Segmentierung (Schuleintritt: für 50% der Kinder möglich)
- i.e.S. (Phonem/Phon-Ebene), da hier Schüler Erfahrungen mit orthographischem System brauchen (= Voraussetzung: Schriftspracherwerb)
Das Erkennen klanglicher Gemeinsamkeiten und damit die Möglichkeit, bekannte Buchstabenmuster wieder einsetzen zu können, reduziert die Gedächtnisanforderung beim Lesen- und Schreibenlernen drastisch. (Ulrich-Brink 2004: 11)
Phonologische Bewusstheit wird als ein übergeordneter Begriff für verschiedene lautanalytische Prozesse verwendet, die sich hinsichtlich der Komplexität der zu verarbeitenden Strukturen (Phonem, Reim, Silbe) sowie der mit den Aufgaben verbundenen kognitiven Prozesse unterscheiden (Schulte-Körne 2002:12)
"Gemessen" wird die Phonologische Bewusstheit durch lautanalytische und lautsynthetische Aufgaben (= Bearbeitung von Einzellauten, Lautverbindungen, Silben, Wörtern; Nichtwortlesen). Dabei ist das Konstrukt "phonologische Bewusstheit" ein Konglomerat von Fähigkeiten/Teilfertigkeiten.
Wie entwickelt sich Phonologische Bewusstheit?
Drei Positionen:
- Phonologische Bewusstheit ist Voraussetzung für Schriftspracherwerb
- Phonologische Bewusstheit kann sich nur als Folge von Schriftsprachkenntnissen entwickeln
- Phonologische Bewusstheit und Schriftspracherwerb bedingen sich gegenseitig (nach Schulte-Körne 2002 die plausibelste Erklärung)
Phonologische Bewusstheit und LRS
Es gibt Studien, in denen ein Zusammenhang zwischen Leseschwäche und Phonologischer Bewusstheit nachgewiesen wird (Achtung: keine verzögerte Entwicklung, sondern stabile Schwäche bis ins Erwachsenenalter! vgl. Schulte-Körne 2002:13). Der Zusammenhang von Rechtschreibschwäche und Phonologischer Bewusstheit ist nur durch wenige Untersuchungen belegt.
Dennoch ist die Phonologische Bewusstheit für den Schriftspracherwerb vital. Vorschulisches Training von Phonologischer Bewusstheit fördert die Lese-Rechtschreibentwicklung deutlich (Schneider u.a. 1997); auch profitieren leseschwache Kinder von Training der Phonologischen Bewusstheit.
Mit dem BISC (Bielefelder Screening) wird Phonologische Bewusstheit gemessen; es gibt Kinder, die vom BISC als Risikokinder eingestuft werden und dennoch einfach Lesen und Schreiben lernen. Auf der anderen Seite gibt es Kinder, die im BISC als unauffällig eingestuft werden und später eine LRS entwickeln.
Problem für phonologisch gering begabte Kinder ist die Koartikulation: Phoneme können nur schwer aus Wortkontext gelöst werden (denn Worte werden als Einheiten wahrgenommen); außerdem können Allophone nur schwer einem Phonem zugeordnet werden (und damit auch das Phonem nicht dem Graphem). Beispiel: Das Wort "hart" wird von zwei unterschiedlichen Personen in zwei unterschiedlichen Varianten ausgesprochen (einmal rollendes Zungen-r, einmal Gaumen-r). Die Zuordnung beider Varianten zum Phonem /r/ fällt einem phonologisch schwachen Kind schwer; es nimmt die (bedeutungsgleichen) Allophone als zwei unterschiedliche Phoneme wahr und hat dadurch auch Schwierigkeiten bei Zuordnung dieser Phoneme zu einem Graphem ("Schreibe das Wort 'hart'").
Frühes Training der phonologischen Bewusstheit scheint zu einer sehr starken Verbesserung der Schreib-/Leseleistung nach vier Schuljahren zu führen (Lundberg, Frost & Peterson 1988, ebenso weitere Forschergruppen).
Die phonologische Bewusstheit ist in erster Linie für die Lesefähigkeit bedeutsam (Salzburger Längsschnittstudie, LOGIK-Studie).
Abruf phonologischer Codes aus Langzeitgedächtnis
Lese-/rechtschreibschwache Personen haben evtl. einen erschwerten (= verlangsamten) Zugriff auf phonologische Codes (Namen, Aussprache, Betonung von Buchstaben, Zahlen, Bezeichnungen) im Langzeitgedächtnis. Diese Fähigkeit kann geprüft werden, indem die Benennungsgeschwindigkeit für Objekte, Buchstaben, Farben oder Zahlen erhoben wird.
Phonetisches Rekodieren im Arbeitsgedächtnis
Im Arbeitsgedächtnis nehmen wir eine phonologische Schleife an, in der in einer Art inneren Sprechens phonetische Strukturen so lange wiederholt werden, bis sie ins Langzeitgedächtnis übertragen werden ("subvokales Rehearsal"). Je höher die Wiederholungsfrequenz, desto mehr Material kann in diesem phonetischen Speicher aktiv gehalten werden, wobei der phonetische Speicher ebenfalls individuelle unterschiedliche Kapazitäten hat. Bei steigender Wortlänge/Silbenzahl sinkt also auch die Merkleistung.
Lese-/rechtschreibschwache Personen haben häufig eine verminderte Gedächtnisspanne (= Kapazität des phonetischen Speichers) und/oder eine geringere Geschwindigkeit der Rehearsal-Schleife.