Neurobiologische/neurophysiologische Erklärungsansätze

 2 Neurobiologische/neurophysiologische Erklärungsansätze

Da Ursachen und Charakteristika von LRS (sofern physiologische Ursachen ausgeschlossen sind) zu großen Teilen (vollständig?) im kognitiven Apparat zu suchen sind, beschäftigt sich die medizinische LRS-Ursachenforschung schwerpunktmäßig mit neurologischen Aspekten.

Zwar gibt es bei lese-/rechtschreibschwachen Personen hinsichtlich neuroanatomischer und/oder funktionaler neurologischer Störungen einige strukturelle Befunde (z.B. Fehlen/Inversion der linkshemisphärisch dominanten Lateralisation der Plani temporali; erhöhtes Vorkommen fokaler Dysplasien im Cortex). V.a. die Funktion der linken Hemisphäre scheint gestört (= Sprachregion, vgl. Torgesen 2008:25):

Funktionelle Defizite der linken Hemisphäre bei Aufgaben zur phonologischen Bewusstheit wurden in mehreren Studien bei Leseschwachen gefunden. Rumsey et al. (1992) untersuchten anhand einer PET die Gehirnaktivität während einer Reimerkennungsaufgabe.  Leseschwache zeigten im Vergleich zu Normallesenden über dem linken  temporoparietalen Cortex sowie über inferioren frontalen Hirnarealen eine geringere Aktivierung. (Schulte-Körne 2002:10)

Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften (Neuroanatomie, Neurobiologie, Neurophysiologie) sind allerdings sehr vielfältig; viele Ansätze konkurrieren, widersprechen sich und liefern insgesamt kein eindeutiges Erklärungsbild: 

Wie stark jeder einzelne Befund zu den individuellen Schwierigkeiten eines lese-/rechtschreibschwachen Kindes beiträgt, ist schwer abschätzbar. Von einer Heterogenität innerhalb des Störungsbildes ist auszugehen. (Ulrich-Brink 2004: 9)

Viele Theorien und Messergebnisse aus den Neurodisziplinen konkurrieren demnach und sind nicht unbedingt in Einklang zu bringen (da die Korrelate sehr spezifisch sind). Mody (1993 u.ö.) vermutet, dass die Verarbeitung sprachlicher Stimuli unterentwickelt ist. Viele weitere Befunde. Befundlage  (auch nach Schulte-Körne) "widersprüchlich".

Tallal (1980) begründete eine Theorie, nach der rasch aufeinander folgende auditive Reize nicht adäquat verarbeitet werden können (vgl. Ulrich-Brink 2004). Die Verarbeitung von Reizen steht aktuell im Mittelpunkt der neurobiologischen Forschung - Grundannahme ist stets, dass Störungen bei der auditiven und/oder visuellen Informationsverarbeitung zu Beeinträchtigungen der Lese- und/oder Rechtschreibfähigkeit führen. Diese Störungen bei der Aufnahme und Verarbeitung von Sinneseindrücken haben neurobiologische Ursachen.

Dabei spielen Störungen der auditiven und Störungen der visuellen Wahrnehmung eine gemeinsame, sich unterstütztende Rolle, wie das vereinfachte Modell von Schulte-Körne zeigt:

Ursachenmodell für LRS nach Schulte-Körne

2.1 Auditive Wahrnehmungsstörung

Schulte-Körne hat ein Modell entwickelt, das die Störung(en) auditiver Wahrnehmung auf drei Stufen beschreibt. Bei LRS werden Störungen auf basaler Ebene, auf der Ebene der Sprachwahrnehmung und auf der Ebene der phonologischen Bewusstheit festgestellt.
Störung der auditiven Wahrnehmung (Schulte-Körne)
Basale auditive Wahrnehmungsstörung
Zentrale Messeinheit ist die Ordnungsschwelle (OS) = Zeitintervall zwischen zwei schnell hintereinander präsentierten Reizen, bei dem die richtige Reihenfolge gerade noch angegeben werden kann. Während die Ordnungsschwelle bei Erwachsenen i.d.R. bei 20-40 Millisekunden liegt, wurden bei LRS signifikant schlechtere Ergebnisse gemessen (100-200ms).
Grundlage dieser Erkenntnis sind die Studien von Tallal (1980), der zeigte, dass bei LRS Reihenfolgen von (75ms dauernden) Sinustönen nicht sicher erkannt werden konnten. 
 
Können Sprachreize nicht diskriminiert werden, kann das den Schriftspracherwerb empfindlich stören.
 
Insgesamt zeigt sich (nach Schulte-Körne) bei LRS, dass nicht-sprachliche Reize defizitär (unterschieden und) verarbeitet werden. Allerdings muss beachtet werden, dass auch Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung wesentliche Einflussgrößen für die Unterscheidungsfähigkeit darstellen.
 
Warnke (2002) bezweifelt den Zusammenhang zwischen LRS und der zeitlichen Verarbeitung von einfachen Tönen; ein Zusammenhang zwischen der zeitlichen/fehlerlosen Erkennung von sprachlichen Lauten und LRS sei bei vielen Menschen aber gegeben (vgl. Hanert-Möller 2007:11). Ebenso zeigt Barth 1999, dass "'die Ordnungsschwelle alleine für sich gesehen noch kein zuverlässiger [sic] Parameter zur Früherkennung und Früherfassung von LRS Kindern zu Schulbeginn darstellt.'" (zit. nach Hanert-Möller 2007:12) = kein signifikanter Zusammenhang zwischen zeitlicher Verarbeitungsfähigkeit und Lese-Rechtschreibleistung (anders ausgedrückt: nicht alle Kinder mit LRS haben hohe Ordnungsschwellenwerte; das zeigt die Komplexität des Phänomens LRS).
 
Störungen der Sprachwahrnehmung
Sprachwahrnehmung ist die Fähigkeit, lautliche Einheiten zu erkennen und zu unterscheiden; Defizite in der zeitlichen Verarbeitung (s.o. "basale Wahrnehmungsstörungen") führen somit dazu, dass auch Laute defizitär wahrgenommen werden (z.B.: bei den Silben /ba/ und /da/ werden die Stopplaute /b/ und /d/ innerhalb der ersten 40ms gesprochen und können damit u.U. von LRS nicht unterschieden werden). Allerdings spielen auch hier Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung eine beeinflussende Rolle.
 
Störungen der Phonologischen Bewusstheit

Eine (schwere) Störung in der phonologischen Informationsverarbeitung wird in der Literatur übereinstimmend als Risikofaktor für die Ausbildung einer LRS gesehen (vgl. Ulrich-Brink 2004:10).  

Definition Phonologische Bewusstheit

2.2 Visuelle Wahrnehmungsstörungen

Die visuelle Wahrnehmung steht (wie die auditive) für eine Vielzahl von Fähigkeiten der Verarbeitung visueller Reize.

Störungen der visuellen Wahrnehmung sind als Ursache für LRS geringer einzuschätzen, dürften aber dennoch eine Rolle spielen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen LRS und visuellen Wahrnehmungsstörungen ist nicht nachgewiesen worden.

Viele Studien beschäftigen sich mit der Okkulomotorik, also Fixationsdauer, Sakkaden (schnelle Blicksprünge) und willkürliche Blicksteuerung. Als Ergebnisse stehen für LRS:

Allerdings ist anzunehmen

dass keine generelle Störung der Blickbewegung bei der Leseschwäche vorliegt. Es erscheint eher ein sprachabhängiges, möglicherweise eher durch kognitive Schwäche zu begründendes Phänomen bei der Leseschwäche handeln. (Schulte-Körne 2002:16)

De Luca et al. (2002) untersuchte den Einfluss von Wortmaterial auf die Blickbewegungen. Ergebnisse: 

  gute Leser schlechte Leser/Leseschwache

echte Wörter: zunehmende Wortlänge =

größere Sakkaden;
gleiche Anzahl von Sakkaden

Größe bleibt gleich;
Anzahl nimmt zu
 

Pseudowörter: zunehmende Wortlänge =

Größe bleibt gleich;
Anzahl nimmt zu

Größe bleibt gleich;
Anzahl nimmt zu

 D.h.: Größe und Frequenz der Blicksprünge richten sich beim guten Leser nach dem Wortmaterial; beim schlechten Leser findet diese Adaption nicht statt.

Blicksprünge (Sakkaden) bei guten und schlechten Lesern

Die Bedeutung dieser Befunde liegt darin, dass sie die Annahme unterstützen, dass Leseschwache sequentiell kleine linguistische Einheiten (sublexikalischen Einheiten) beim Lesen verarbeiten. Die Leseschwachen benötigen annähernd die doppelten Anzahl an Sakkaden und benötigen ungefähr 20% länger bei den Fixationen (DeLuca et al. 1999). Diese Lesestrategie beruht im wesentlichen auf die Zuordnung von Graphemen zu Phonemen. D. h. eine globale Lesestrategie, die durch die Aufnahme von lexikalischen Einheiten charakterisiert ist, steht den Leseschwachen weniger zur Verfügung. Insgesamt unterstützen die Befunde von De Luca et al. (1999, 2002) auch die Annahme (Olson et al. 1991), dass die gestörten Blickbewegungen bei den Leseschwachen nicht per se auf eine gestörte Okkulomotorik zurückzuführen sind, sondern die gestörte Blickbewegung Folge eines visuellen Verarbeitungsdefizites von Schriftsprachmaterial ist. (Schulte-Körne 2002:17, Herv. Verfasser)
Ein weiterer Teilprozess der visuellen Verarbeitung ist das Erkennen von buchstabenspezifischen Merkmalen (--> zweifacher Zugangsweg des Wortlesens: Erkennen der Wortgestalt (mithilfe mentales Lexikon) vs. Analysieren einzelner Buchstaben). 

2.3 Orthographisches Wissen

Das "orthographische Wissen" ist ähnlich der phonologischen Bewusstheit ein Konstrukt, das sich aus verschiedenen Teilfertigkeiten Zusammensetzt (Kenntnisse über die Regelmäßigkeit von Buchstabenfolgen, Morphemen, grammatikalischen und semantischen Strukturen). Bei LRS ist orthographisches Wissen signifikant schlechter ausgebildet - wobei für die Rechtschreibleistung die phonologische Bewusstheit eine deutlich höhere Bedeutung hat (Schulte-Körne 2002:24).

Allerdings leistet orthographisches Wissen unabhängig von phonologischer Bewusstheit einen eigenen, unabhängigen Anteil zur Varianzaufklärung der Rechtschreibleistung bei [sic]. (Schulte-Körne 2002:24)

 

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