Genetische Disposition

 1 Genetische Disposition

Die Annahme, dass LRS genetische Ursachen zugrunde liegen, ergibt sich aus Zwillingsforschung, familiärer Häufung und molekulargenetischen Befunden. "In jedem Fall besteht eine genetische Disposition" (Ulrich-Brink 2004:6).

Familiäre Häufung

Mehrere (auch neuere) Studien stellen (mehr oder weniger übereinstimmend) fest, dass die Wahrscheinlichkeit für eine LRS bei durchschnittlich ca. 45% liegt, wenn schon Geschwister oder Eltern betroffen sind (vgl. Ulrich-Brink 2004:6; Schulte-Körne 2002:27ff; Torgesen 2008:24f: "Risiko einer Lesestörung bei Kindern mit einem Elternteil ... achtmal höher"). Allerdings zeigen sich in diesen Familienstudien im Gegensatz zu nicht familiengebundenen Erhebungen durchgehend KEINE Korrelation von LRS und Geschlecht:

Trotz der wiederholt beschriebenen höheren Prävalenz der Lese-Rechtschreibstörung bei Jungen, fand sich ein bevorzugtes Auftreten bei den männlichen Mitgliedern in den Familien nicht. (Schulte-Körne 2002:26f)

Die familiäre Häufung bedeutet jedoch nicht zwangsläufig eine genetische Vererbung; es können durchaus auch ökologische Faktoren einflussnehmend oder gar verantwortlich sein (vgl. Hanert-Möller 2007:7). Deshalb wurden Zwillingsstudien durchgeführt (= Vergleich eineiige/zweieiige Zwillinge; Maß der Varianz wird als Heritabilitätsschätzung angegeben), um den Anteil der genetischen/nicht-genetischen Varianz am Merkmal "LRS" aufzuklären. Untersucht werden z.B. Wort-Lesen, phonologisches Dekodieren (= Lesen von Pseudowörtern), orthographische Fähigkeiten (Erkennung von Pseudohomophonen "Fieh" vs. "Vieh"), phonologische Bewusstheit (Lautestreichen, Lautetrennen). Häufig rezipierte Studien sind Olson et al. 1994 und Stevenson 1991.

 In früheren Zwillingsuntersuchungen war die Heritabilität nahezu 100%, d. h. das die Lese-Rechtschreibstörung nahezu vollständig durch genetische Faktoren erklärt werden kann. Aufgrund einer Reihe von methodischen Schwächen konnten diese Ergebnisse nicht repliziert werden. Neuere Untersuchungen zeigen, das die Heritabilität für die Lesefähigkeit um 50%, für die Rechtschreibfähigkeit um 60% liegt. (Schulte-Körne 2002:31)

Die genetische Disposition ist offensichtlich für grundlegende Störungen in den Fähigkeiten "Wortlesen" oder "phonologische Bewusstheit" verantwortlich. Die genetische Disposition bringt Störungen der visuellen und auditiven Wahrnehmung mit sich, die zu Lese- und Rechtschreibstörungen führen (vgl. Hanert-Möller 2007:7). 

Molekulargenetische Befunde

Es wird angenommen, dass bestimmte Gene für Hirnfunktionen zuständig sind, die mit dem Erlernen von Lesen und Schreiben zu tun haben("... werden für die Entstehung von LRS Genorte auf den Chromosomen 1,2,3,6,15,18 angenokmmen ..." (Hanert-Möller 2007:9)). Allerdings gibt es keine Ergebnisse, die eindeutige Erklärungen liefern könnten.

 


Diese Ergebnisse genetischer Forschung legen nahe, dass es sich bei Lernstörungen tatsächlich um Beeinträchtigungen handelt, die durch Veränderungen von Gehirnfunktionen verursacht werden (Torgesen 2008:24).

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