Notwendigkeit einer frühen Diagnose

Die Not der Diagnostik einer Lese-/Rechtschreibschwäche besteht wie bei vielen Entwicklungsstörungen darin, dass im Kern der Diagnose eine nicht vorhandene bzw. sich nur langsam ausbildende Fähigkeit steht.  Abwesenheit bzw. Langsamkeit in der Entwicklung ist im Allgemeinen nicht unbedingt auffällig [...]
Bis die Leistungsschere gegenüber gesunden Kindern soweit aufgegangen ist, dass ein klinisch bedeutsamer Rückstand diagnostiziert werden kann, dauert es unter Umständen lange. Dieser Zeitraum beträgt im Falle der Lese-/Rechtschreibschwäche häufig zwei bis drei Jahre. [...]
Der Rückstand hat zu diesem Zeitpunkt ein Ausmaß erreicht, das auch bei normaler Begabung in der kritischen Fähigkeit kaum noch aufzuholen ist. (Ulrich-Brink 2004:1)

Da schriftsprachliche Kompetenzen für das weitere erfolgreiche Absolvieren des Lehrplans notwendig sind, kann nur ein Bruchteil der LRS-Kinder das beschriebene Defizit aufholen und bleibt zeitlebens beeinträchtigt (im Gegensatz zu z.B. denen mit motorischen oder Sprachentwicklungsstörungen) = hoher Anteil an Arbeitslosen oder Straftätern. Deshalb ist vorschulische (oder zumindest: frühe) Diagnostik unabdingbar, da sie Voraussetzung für ein frühes und evtl. wirksames (?) Training schaffen könnte.

Dazu benötigt man schriftunabhängige Prädiktoren:

Offensichtlich recht erfolgreich ist das BISC (Bielefelder Screening) von Jansen, Mannhaupt, Marx und Skowronek (1998) - selegiert gefährdete Kinder anhand der phonologischen Bewusstheit (= sprachliche Fähigkeit, die die Manipulation von Worten und Wortteilen erlaubt); Dauer: pro Kind ca. 1-2 Stunden, Einzelbehandlung.

Neben solchen kognitionspsychologischen orientierten Konzepten gibt es auch neurophysiologische Konzepte; hier wird nach physiologischen Indikatoren gesucht (Vorteil: massentauglich -> Routineuntersuchung beim Kinderarzt!). Allerdings befindet sich dieser Forschungszweig noch in den Kinderschuhen.

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