1 Übersicht
Als allgemeine Definition könnte gelten:
Das Hauptkennzeichen der Lese-/Rechtschreibschwäche (LRS) besteht in einer besonderen Schwierigkeit im Erwerb von Lese- und Rechtschreibfähigkeiten, die nicht auf alternative Ursachen wie allgemeine Intelligenzminderung, unzureichende Beschulung oder emotionale bzw. neurologische Störungen zurückgeht. (Ulrich-Brink 2004:4)
Die Diagnostik von LRS beruht auf drei notwendigen Kriterien, die das Zitat beide impliziert:
- Lese-/Rechtschreibleistung muss deutlich unter dem Durchschnitt (Prozentrang 10) liegen.
- Der IQ (Intelligenzquotient) muss mindestens 70 (andere, seltenere Definition: 85) betragen.
- Diskrepanzkriterium: Differenz der Lese-/Rechtschreibleistung muss zur Intelligenz zwei (1.5?) Standardabweichungen betragen. (Diskrepanzdefinition -> Diskrepanz eines Leistungsbereichs zu den übrigen Leistungsbereichen).
Damit ist LRS/Legasthenie eine Teilleistungsstörung (in Abgrenzung zu allgemeiner Lernschwäche).
Intelligenztests sind also nicht aussagekräftig bezüglich der Vorhersage der Lernleistung und eignen sich auch nicht zur Legitimation von Schullaufbahnentscheidungen, "da schulschwache Kinder und Jugendliche diesbezüglich keine homogene Gruppe darstellen" (Deneke 2007:3). Schuck betont die niedrige Korrelationen zwischen Intelligenz und Rechtschreib- bzw. Leseleistungen und bezieht sich dabei u.a. auf die Ergebnisse der IGLU-Studie (vgl. Deneke 2007:4).
LRS gehört damit zu den zwei Kernsymptomen des Schulversagens (nimmt man den schulorganisatorischen Begriff "sonderpädagogischer Förderbedarf im Bereich Lernen" als Maßstab):
- Probleme beim Lesen, Schreiben und Rechtschreiben
- Probleme in der Entwicklung mathematischen Denkens
2 Definition nach ICD-10 der WHO; Kritik
Die Weltgesundheitsorgansation gibt in ein-/mehrjährigen Abständen eine Übersicht über die Kernklassifikationen von Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme heraus (deutsche Version als ICD-10-GM (German Modification) des DIMDI. Die aktuelle Version ist die ICD-10 von 2007 (ICD, engl.: International Classification of Diseases). Die ICD dient u.a. zur Diagnoseverschlüsselung in Karnkenhäusern (dies und mehr bei wikipedia: ICD-10).
Das Kapitel F betrifft "Psychische- und Verhaltensstörungen", F80-89 betrifft "Entwicklungsstörungen", F81 "Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten".
Das Klassifikationsschema wird streckenweise kritisiert. So bemängeln LRS die Terminologie "psychische Störung":
Würde man von vornherein erkennen dass die andere Form der Wahrnehmung, auch eine andere Form der Intelligenz ist, würde man diese nicht von vornherein als psychisches Defizit sehen. (Legasthenie ist keine Schande 24.11.2007: Wikipedia ordnet die Legasthenie als 'psychische Störung' ein)
Außerdem lässt das Klassifikationsschema
[...] viele Fragen offen.
Zum Beispiel:
F81. Was sind "normale Muster des Fertigkeitserwerbs", welche Norm soll zu Grunde gelegt werden?
Welche "frühen Entwicklungsstadien" sind gestört, wenn das Problem erst in der Schule, beim Erlernen von schulischen Fertigkeiten auftritt?
[...]
Die m.E. ungenauen Kriterien werden noch durch F81.3 übertroffen, die "eine schlecht definierte Restkategorie für Störungen" klassifiziert. (Hanert-Möller 2007:16)
Darüberhinaus wird darüber debattiert, ob Intelligenztests (bzw. das Konstrukt Intelligenz) und Lese-Rechtschreibtests tatsächlich die Wirklichkeit abbilden können (z.B. Warnke et al. 2002:58f; zur Kritik an Intelligenztests Hanert-Möller 2007:17ff).
3 Definition durch Normierung (normierte Lese-/Rechtschreibtests)
Unterschiedliche operationale Definitionen führen dazu, "dass die Legastheniehäufigkeit nach neuer Normierung zwischen 1,7% und 13% je nach Definition schwankt." (Hanert-Möller 2007:19)
Ebenso kritisch wurde die Normierung der Tests gesehen. [...] Normierte Rechtschreibtests legen in ihren Normen fest, wie die Schüler/-innen der Gesamtstichprobe abgeschnitten haben und setzen diese auf eine Prozentskala. Ein Prozentrang von 15 bedeutet, dass 85% der Schüler/-innen aus der Gesamtstichprobe besser abgeschnitten haben. Bei einer solchen Prozentskala wird es auch nach einer neuen Normierung immer Schüler/-innen geben, die am unteren Skalenbereich liegen. (Hanert-Möller 2007:19)
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