Abgrenzung: 'gestörte' und 'schlechte' Leser

Die Ätiologie (= Ursachenforschung) ist für Lernstörungen wichtig, denn sie liefert eine Diskussionsgrundlage für die Frage, wie sich Kinder mit Lernstörungen von schwachen Lernern unterscheiden.

Es gibt viele Indizien dafür, dass "es unter Verwendung üblicher Verfahren unmöglich sei, Kinder mit Lernstörungen zuverlässig von anderen schlechten Schülern zu unterscheiden (Ysseldyke, 1983)" (Torgensen 2008:26).

Tatsächlich ist es schwierig, Kinder mithilfe klinischer Testdaten zuverlässig in eine der beiden Kategorien "lerngestört" oder "langsam lernend" einzustufen. Die Frage nach der "Einzigartigkeit" (Torgesen 2008:27) von Kindern mit Lernstörungen kann nach neueren Befunden wohl nicht befriedigend beantwortet werden:

Traditionelle diagnostische Vorgehensweisen gingen bislang davon aus, dass sich eine spezifische Lesestörung (bei der die Lesefähigkeit von der allgemeinen Intelligenz abweicht) [= diskrepante Kinder] grundlegend von den Leseschwierigkeiten jener Kinder unterscheidet, deren allgemeines Leistungsniveau mit ihren schwachen Leseleistungen übereinstimmt [nicht diskrepante Kinder]. Es gibt inzwischen vier Arten von Forschungsbefunden, die gegen diese Annahme sprechen (Fletcher et al., 2002). (Torgesen 2008:27)
  1.  Lesestörungen sind nicht bimodal verteilt (d.h.: Es gibt nicht zwei unterschiedliche Populationen schlechter Leser). -Studien 1988, 1992 u.ö.
  2. diskrepante/nicht diskrepante schlechte Leser unterscheiden sich nicht hinsichtlich ihrer kognitiven Profile, was die LEseschwierigkeiten auf Wortebene betrifft (Studien 1994).
  3. diskrepante/nicht diskrepante schlechte Leser zeigen durch die Grundschulzeit hindurch eine ähnliche Entwicklungsrate.
  4. Sowohl diskrepante als auch nicht diskrepante wortbezogene Lesestörungen sind erblich (!) - Wadsworth et al. 2000)

[Überprüfen: Studien 1-3 sind schon älter - vielleicht gibt es neue Ergebnisse?]

Es kann angenommen werden, dass allgemein langsame Leser und "echt" Lesegestörte aus den gleichen Gründen (= Beeinträchtigung des phonologischen Sprachbereichs) Schwierigkeiten beim Erwerb grundlegender Lesefähigkeiten haben (alle Kinder, die schlecht Lesen, zeigen Defizite im phonologischen Sprachbereich). Frühe Diagnose über die Intelligenz ist schwierig, da IQ und phonologische Sprachfähigkeiten in einem frühen Stadium nur schwach korrelieren (d.h.: intelligente und nicht intelligente Kinder, die beide eine phonologische Störung haben, lesen beide aus dem gleichen Grund schlecht). Beide benötigen die gleichen Fördermaßnahmen; allerdings benötigen die nicht intelligenten Kinder zusätzliche Interventionen, die dem breiteren Spektrum an kognitiven und sprachlichen Beeinträchtigungen gerecht werden.

Obgleich dieser Trend weg von diskrepanzbasierten Definitionen von Lesestörungen hin zu allgemeineren Definitionen in der Praxis viele schwierige Fragen aufwerfen wird (z.B. wie man die dadurch steigende Zahl von kindern mit wirklichen Lesestörungen wirksam fördern kann), wird er dazu beitragen, gefährdete Kinder schon frühzeitig zu identifizieren. Gegenwärtig muss mit der Identifizierung so lange gewartet werden, bis sich eine Diskrepanz zwischen allgemeinem IQ und Lesefähigkeit zeigt. Ein validerer Ansatz wäre, jene Kinder zu identifizieren, die die spezifischen linguistischen/phonologischen Eigenschaften von Kindern mit Lesestörungen aufweisen - ohne dabei Bezug auf das allgemeine Leistungsniveau zu nehmen - und ihnen eine gezielte Förderung zukommen zu lassen. (Torgesen 2008:28)

Dabei gilt es zu beachten, dass die Lobby der Lernstörungsbewegung nicht daran interessiert ist, diese Ergebnisse zu rezipieren oder gar zu replizieren, da sie damit ihre Existenzberechtigung verlieren würde (vgl. Kontroverse in den 70ern bezüglich der schulischen Wirksamkeit von Prozesstrainings: Geschichte der Lernstörungen). Außerdem wäre das mit außerordentlichen Kosten verbunden: Würde sich diese Ansicht durchsetzen, müsste man in wohl jeder Förderschule LRS-Trainings anbieten - auch für die, die schon lange durch die Maschen des Schulsystems gefallen sind und ihr Dasein auf einer namenlosen Sonderschule fristen. Und das ist politisch natürlich nicht unbedingt erwünscht.

Zusammenfassend:

Das Diskrepanzkriterium dient dazu, Kinder mit einem breiteren Förderungsbedarf (der sich auf ein breiteres Spektrum kognitiver Fähigkeiten bezieht) von Kindern mit einem engeren Förderungsbedarf (der sich nur auf den Bereich Lesen/phonologische Bewusstheit etc. bezieht) zu trennen. Leseprobleme werden im Grund immer durch dieselben Beeinträchtigungen verursacht, egal ob eine Diskrepanz zwischen IQ und LEsefähigkeit besteht oder nicht. (Torgesen 2008:32)

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