'Legasthenie' und 'LRS' - Unterschied?

 "Lese-/Rechtschreibschwäche" und "Legasthenie" werden in den meisten Fällen synonym verwendet (vgl. Ulrich-Brink 2004:4, 5): 

Im englischen Sprachgebrauch findet der Begriff "Dyslexie" Verwendung. Wie der Begriff "Legasthenie" fokussiert er die Leseschwäche, was das Hauptaugenmerk von Forschung und Diagnostik auf das Lesen lenkt. In den 70er Jahren wurde der "Legasthenie"-Begriff aufgrund dessen im deutschen Sprachraum massiv kritisiert und weitgehend durch "Lese-/Rechtschreibschwäche" ersetzt.

Allerdings gibt es hier eine Menge Streiterei. Der DVLD (Dachverband Legasthenie Deutschland) beharrt auf einer strikten Trennung von LRS und Legasthenie (letztere sie genetisch, erstere ökologisch bedingt), während der BVL (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie) diese Unterscheidung nicht trifft. Die Rezeption wissenschaftlicher Literatur legt ebenso wie die Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nahe, dass die Unterscheidung zwischen LRS und Legasthenie nicht sinnvoll ist.

Das Beharren auf einer strengen Trennung zwischen LRS und Legasthenie dürfte durch den Wunsch Betroffener motiviert sein, nicht als "Behinderte", "Kranke" oder "Rechtschreibgestörte" wahrgenommen zu werden; sie sehen sich selbst als genetisch für spezifische Wahrnehmungsmechanismen disponiert (die gewisse Nachteile im Umgang mit Kulturtechniken wie Lesen/Schreiben mit sich bringen). Dies zeigt wohl die E-Mail des Legasthenie-Bloggers Lars M. Lehmann (Mitglied im DVLD) an den BVL, in der er zum Dialog aufruft und sich dabei klar gegen die Bezeichnung als "Behinderter" oder "Kranker" wehrt.

Dazu sollte angemerkt werden, dass der BVL durchaus keine Tendenz zur Diskriminierung legasthener Personen hat. Vielleicht besteht der Konflikt in erster Linie in einer unglücklichen Sprachregelung? So kritisiert Lehmann daran in erster Linie das Bild, das die Öffentlichkeit vom legasthenen Menschen bekommt:

Der BvL e.V hat nun schon mehr als 30 Jahre die Chance gehabt sich für das wohl legasthener Menschen einzusetzen, bisher sieht man ja die Situation im Bildungssystem und in der allgemeinen Gesellschaft das man uns als “Gestört” oder sogar manchmal als “Hirnfunktionsgestört!” ansieht. Das ist nach meiner Auffassung die falsche Methode um die allgemeine Öffentlichkeit aufzuklären. (Legasthenie ist keine Schande, 01.03.2008)

In jedem Fall sollte die durch DVLD (und ebenso des  EÖDL - Erster Österreichischer Dachverband Legasthenie) getroffene strikte Zuweisung "Legasthenie = genetisch bedingt", "LRS = psychisch bedingt" (Schaubild des EÖDL) im wissenschaftlichen Diskurs mit Vorsicht genossen werden.

Eine andere Perspektive nimmt das Freiburger Blicklabor ein:

Lese-Rechtschreib-Schwäche ist die Bezeichnung für alle Störungen, die dazu führen, dass Lesen und/oder Schreiben nicht oder nur schlecht erlernt werden kann.
Den Begriff Legasthenie (Dyslexie) verwenden wir nur für Schwächen beim Erlernen von Lesen, Schreiben oder Rechtschreibung, die nicht durch körperliche Gebrechen (z.B. an Ohr oder Auge), allgemeine geistige Minderbegabung oder unzureichenden Unterricht verursacht sind. (Freiburger Blicklabor, Legasthenie/Dyslexie)
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